Geschichte
Haus und Siedlungsformen - ein Spiegelbild der Zeit
(entnommen aus: “Eppenhausen-Emst-Bissingheim-Hassley; Richard Althaus; Hagener Heimatbund”)
von Dr. Herbert Kersberg und Sieglinde Meyer
Hausformen sind ein Ausdruck des baulichen “Zeitempfindens”. So sind mit der besonderen Art der Formgebung und Raumbildung Bauwerke einer gleichen Epoche häufig als zusammenhängend erkennbar. Die gilt in Ansätzen auch für die relativ kurzfristigen, unterschiedlichen Bebauungsperioden des Emster Raumes, die jeweils Siedlungen eines mehr oder weniger gut erkennbaren Baustils hinterlassen haben. Hier können fünf Baugebiete auch von der Anlage und dem Aussehen ihrer Wohnhäuser unterschieden werden:
1. Alt-Emst
2. Neu-Emst oder Gartenvorstadt-Emst
3. Bissingheim
4. Emsterfeld
5. Eppenhausen-West
zu 1. Alt-Emst:
Auf die wenigen Reste der traditionellen bäuerlichen Fachwerkbauweise in Alt-Emst wurde bereits hingewiesen. Die spätere Siedlungsentwicklung ist mit der von Neu-Emst bzw. Bissingheim verbunden und vergleichbar.
zu 2. Neu-Emst:
Hier findet man die in den Jahren 1912-14 erbauten Ein- und Zweifamilienhäusern ( Am Waldesrand, Zum Buchenhain, Baufeld- und Willdestraße) mit Mansarden und Krüppelwalmdächern, daneben Reihenhäusern (Am Waldesrand, Am Bogen). Der Grundriß eines Hauses durfte ein Zehntel des Grundstücks einnehmen; mit dieser Auflage sollte der Charakter einer Gartenvorstadt bewahrt bleiben. Etwas unterschiedlich davon sind die 1919/20 errichteten kastenförmigen Häuser mit Walmdach (im Volksmund: “Kaffeemühlen”), die vor allem an der Straße Hasenlauf zu finden sind. Auffällig sind auch die neben den Ein- und Zweifamilienhäusern 1925/26 erbauten Reihenhäuser mit Mansardendach an den Straßen Annaberghöhe und Im Eichenwald; das Kellergeschoß ist auch Kalkbruchstein-Mauerwerk gebaut, die Fassade trägt rauhen Zementputz, farbig gestrichen. Alle Häuser dieser Zeit haben einen von der Bruchsteinmauer eingefriedeten Vorgarten und einen Nutzgarten hinter dem Haus.
Auch die später – in den Jahren 1935 bis etwas 1939 – von privaten Bauherren vereinzelt erstellten Ein-und Zweifamilienhäusern haben entsprechend den Grundgesätzen der Gartenvorstadt-Gesellschaft über die Anordnung der Gebäude, die Anzahl der Geschosse, die Dachformen und andere äußere Merkmale ein ähnliches Aussehen; sie unterscheiden sich teilweise nur durch Giebel und Erker sowie eine etwas größere Geräumigkeit von den Häusern der Wohnungsbaugesellschaften. Ganz anders dagegen ist die Architektur der dreißig Jahre später – um 1965 – gebauten “modernen” Bungalows an der Straße Am Waldesrand und die von privaten Bauherrren errichteten Häuser an der Straße Felsental mit jeweils individueller Gestaltung, meist großen Terassen und Ziergärten.
Auffallend im gesamten Wegenetz der Gartenvorstadt Emst wie auch in Bissingheim sind die sehr schmalen Straßen ohne Gehwege, die dem neuzeitlichen Verkehrsaufkommen in keiner Weise gewachsen sind.
zu 3. Bissingheim
Gegenüber den Siedlungen auf Emst unterscheidet sich die Bebauung von Bissingheim durch eine konsequente Ausführung in Doppelbauweise. Die dadurch erzielbare Einsparung an Bauland und die Minderung der Anteile an Strassen- und Kanalisationskosten spielte hier ursprünglich keine bzw. nur eine geringe Rolle: Ausbau und Unterhaltung von Straßen waren von vornherein nicht votgesehen, der Anschluß an die Stadtentwässerung erfolgte erst (wie auf Emst) Ende der Sechziger- Anfang der Siebziger Jahre. Entscheidend für die Bauweise war jedoch die Reduzierung der Baukosten.
Bauweise und Baustoffe (z.T. Lehmziegel) der durch das Reichsheimstätten-Gesetz geförderten Wohnhäusern in Bissingheim, wo innerhalb von sechs Jahren 300 Siedlerstellen für zum Teil erwerbslose Arbeiter geschaffen wurden, sind aus der wirtschaftlichen Notsituation der Zwanziger Jahre heraus zu verstehen. Die Häuser waren als Nebenerwerbssiedlungen angelegt: zu jedem Haus gehörte ein Stallanbau für die Kleinviehhaltung (auf Emst zum Teil später zusätzlich erstellt). Hier und auf den Dachböden konnten Vorräte gespeichert werden, der Nutzgarten gehörte zur Existenzgrundlage. Dies gibt auch für die 1932/33 errichtete Kleinsiedlung für erwerbslose Arbeiter in den Straßen Cunostraße und Wacholderkamp.
Heute sind viele dieser Häuser durch Um- und Anbauten, durch Dachausbauten und Fassadenverkleidungen stark (optisch zuweilen nachteilig) verändert. Mit der zunehmenden Verknappung von Bauland sind hier und da weitere Wohnhäuser, einige zweigeschossig, auf die vorhandenen Parzellen gebaut worden. Insgesamt aber hat Bissingheim baulich seinen Siedlungscharakter bewahrt.
zu 4. Emsterfeld
Die nach etwa einheitlichen Planvorstellungen erfolgte Bebauung des Emsterfeldes innerhalb von 15 Jahren (ab Mitte der Fünfziger Jahre) führte zu einem “Vorstadt-Aspekt”, der sich von den bisher dargestellten Siedlungstypen stark abhebt. An die Stelle der Einzel- und Doppelbauweise treten hier zweigeschossige Reihenhäusern als Eigenheime mit Garten und mehrgeschossige Mietwohnungen (3- bis 5- geschossige und 7- bis 8- geschossige Laubenganghäuser) sowie ein 16- geschossiges Appartmenthaus als Dominante. Die 2- bis 4- geschossigen Wohnhäuser tragen einheitlich Satteldächer, die höheren sowie die Einkaufszentren Flachdächer. Die Mietwohnhäuser sind von Grünflächen umgeben, und die großzügig angelegten Grünanlagen mit Kinderspielplätzen zwischen dem 1. und dem 2.Bauabschnitt lockern das Wohngebiet stark auf. Den Wohngebieten des Emsterfeldes sind vier kleinere Einkaufs- und Versorgungszentren zugeordnet.
Insgesamt ist eine Beschränkung auf nur wenige Haustypen festzustellen, ohne daß eine Monotonie zu stark spürbar wird. Besonders der 2.Bauabschnitt bildet durch abwechslungsreiche Formen und Fassaden , durch die Stellung der Häuser und die Flächenaufstellung eine recht harmonische Einheit. Charakteristisch für dieses Siedlungsgebiet ist die weitgehende Aufgabe der Bebauung entlang den Verkehrsstraßen und stattdessen die Erschließung der Häuserzellen durch schmale Wohnwege. Die Häuserreihen sind in überwiegend nord-südlich orientierter Lage so angeordnet, daß eine möglichst optimale Besonnung der Wohnräume gewährleistet ist.
zu 5. Eppenhausen-West
Hier entspricht die 1932/33 erbaute “Erwerbslosen-Siedlung” an den Straßen Eupen-, Malmedy- und Walddorfstraße dem entsprechenden Kleinsiedler-Bauabschnitt in Bissingheim. Davon unterscheiden sich die wesentlich größeren kastenförmigen Doppelhäuser mit Walmdach aus dem Jahre 1938.
Die 1968/69 erstellte “Concordia-Siedlung” als 1- bis 6-geschossige Wohnbebauung und einem 10- geschossigen Hochhaus auf dem höchstgelegenden Gelände als städtebauliche Dominante sowie die Anfang bis Mitte der Siebziger Jahre erfolgte Ausnutzung des Siedlungskomplexes in Richtung auf die Emster Straße entspricht im Prinzip der Bebauung des Emsterfeldes, obwohl architektonisch starke Unterschiede zu bemerken sind. Entsprechend den unterschiedlichen Siedlungsepochen in Zeiten sehr verschiedener wirtschaftlicher Entwicklung sind die Wohnverhältnisse im Stadtteil Emst nach Größe der Wohnungen, Art der Beheizung und Ausstattung mit sanitären Einrichtungen recht unterschiedlich.
Nach der Gebäude- und Wohnungszählung von 1968 hatte das Gebiet 1466 Wohngebäude, deren Verhältnis von Altbauten (von 1911 bis 1948 erstellte) zu Neubauten (ab 1949 erstellt) etwa ausgeglichen war. Dieses Verhältnis hat sich inzwischen zugunsten der Neubauten verschoben. Anders ist das für die Beurteilung der Wohnverhältnisse wichtigere Verhältnis der Wohnungen in Altbauten (22,9%) zu denen in Neubauten (67,1%). Der gegenüber dem Stadtgebiet hohe Anteil an Neubauwohnungen bedeutet einen entsprechend guten Wohnkomfort. Aber auch die Altbauwohnungen sind durchweg stark modernisiert worden: 1968 waren von den insgesamt 3.516 Wohnungen bereits 86,9% mit Badezimmer und WC ausgestattet, inzwischen dürfte eine Zahl von etwa 98% erreicht sein.
Außergewöhnlich hoch ist auch der Anteil der an eine Sammelheizung angeschlossenenen Wohnungen: er betrug auf Emst 1974 71,2% gegenüber 26,6% im städtischen Durchschnitt. Durch das Fernheizwerk wird das gesamte Emsterfeld versorgt. Auffallend niedrig ist auf Emst der Anteil der Wohnungen mit Kohlefeuerung, wodurch die in diesem industriefreien Wohngebiet mit einer günstigen Lage des Luftsaustausches ohnehin geringe Luftverschmutzung noch weiter gemindert wird,